„Wer Landschaft fotografiert, geht aus
dem Haus, wenn es noch dunkel ist
– und kommt im Dunkeln zurück.“

Im Grunde gilt das natürlich für jede Outdoor-Fotografie, denn in den Stunden um Sonnenauf- und -untergang ist das Licht so unvergleichlich reich, sanft und akzentuiert, wie zu keiner anderen Tageszeit. Ich bin auf 2000 m Höhe in den Bergen und fotografiere die Kulissen für eine Bildserie eines Geländefahrzeugs.

Ich mache mich beim ersten Licht auf und schließe die Türe der Bergstation hinter mir, als es noch still ist und kühl. 16 Kilo Fotoequipment, ein paar extra Kleidungsstücke, ein wenig Wegzehrung, Schlafsack, Rucksack, zusammen gut 20 Kilo und ich beginne zu steigen an den Platz, den ich mir am Abend vorher ausgesucht habe. Der Platz ist nicht allzuweit von meinem Nachtlager entfernt und hat alles, was ich brauche.

Andrew Syme, ein Schotte, der vor 25 Jahren den Plan hatte, für ein paar Monate nach Deutschland zu kommen, betreibt jetzt das Restaurant Alpspitze.

Andrew Syme [rechts], ein Schotte, der vor 25 Jahren den Plan hatte, sich für ein paar Monate Deutschland anzusehen, betreibt jetzt das Restaurant Alpspitze. Lucky me your plan failed, Andrew.

Langsam wird das fahlblaue Licht violett und ich mache die ersten Aufnahmen. Planmässig benötige ich für die Backplates für die Composings die ersten Sonnenstrahlen, doch ist die Stimmung kurz vor Sonnenaufgang so unfassbar schön, dass ich diese Schüsse mitnehmen muss. Dann, ein paar Minuten nach fünf, geht die Sonne auf: goldorange vor königsblauer Kulisse. Nun muss ich mich beeilen.


Der nächste Shoot am Nachmittag des gleichen Tages, 150 Kilometer entfernt und noch 500 Meter höher, verläuft komplett anders. Als ich ankomme, ist es entgegen aller Wettervorhersagen bedeckt und nur einzelne Sonnenflecken werden von schneidendem Wind zwischen dichten, grauen Wolken hindurch über die Bergflanken gejagt.

Die Kamera steht bereits auf dem Stativ und ich warte auf geeignetes Licht, als es hinter der Wegbiegung leutet. Ein paar Minuten später habe ich Besuch.

Die Kamera steht bereits auf dem Stativ und ich warte auf geeignetes Licht, als es hinter der Wegbiegung leutet. Ein paar Minuten später habe ich Besuch.

Trotz der Kälte scoute ich das Terrain und mache Sicherheitsschüsse, in der Hoffnung, dass das Wetter am nächsten Morgen, wie vorausgesagt, besser ist. Die Gegend erinnert mich an das schottische Hochland, aber hier ist es noch rauher, noch karger. Nur ein paar Kilometer von hier ist der Mann im Gletscher gefunden worden, der jetzt nach dem Tal benannt ist, durch das ich gekommen bin, dem Ötztal.

„Es ist nicht genug, wenn Du glaubst,
dass es gut ist – es ist genug, wenn Du
es nicht mehr besser machen kannst.“

In der Nacht beginnt es zu regnen. Als am nächsten Morgen um 04:00 h mein Wecker geht, trommelt der Regen auf das Autodach und draussen ist noch alles dunkel. Es hat keinen Sinn, zum fotografieren rauszugehen. Als um 06:00 der Regen aufhört, hetzen immer noch Wolken zum Greifen nah über die Passhöhe. Das Thermometer zeigt 6°/1°. Dennoch mache ich mich auf, baue mit kalten Händen die Kamera auf, hoffe frierend auf einen der wenigen Sonnenflecken.

Der kleine Kerl hier ist meine Belohnung für mein letztes Motiv.

Der kleine Kerl hier ist meine Belohnung für mein letztes Motiv.

Um halbzehn ist die Produktion schließlich sicher im Kasten und ich habe mir einen Latte verdient im „Schmugglerhaus“ zwischen Österreich und Italien. Einen meiner Lieblingsschüsse dieses Shootings jedoch mache ich auf dem Weg die Passstraße wieder hinunter. Ich bin mit den Gedanken schon auf der Autobahn und beinahe hätte ich den Platz an der Ötz übersehen. Ich bin auch schon vorbeigefahren als sich das fertige Motiv vor meinem inneren Auge entwickelt, klärt und mich doch noch einmal umkehren lässt.

[Mein Dank an Barbara vom Kreuzeckhaus, die mir dann doch noch ein außerplanmäßiges Zimmer gegeben hätte und natürlich ganz besonders an Andrew vom Alpspitzrestaurant, der mir ein Nachtlager in der Station besorgt hat, so dass ich 400 Höhenmeter zu Fuß sparen konnte.]